
Montags um 18 Uhr geht es los. Jeder kann, niemand muss. Mit Interessierten und Gleichdenkenden laufen die Montagsspaziergänger ab dem Hauptbahnhof durch unsere schöne Domstadt um aufmerksam zu machen. Wenn man stets über Handlungen und Beschlüsse der Politik unzufrieden ist, wünscht man sich ein Sprachrohr nach außen. So wurde nicht lange gefackelt... Nach knapp zwei Wochen Organisation kam „Bewegung“ in die Stadt. Seit dem 15. November letzten Jahres gibt es die wöchentliche Demo – und die Teilnehmerzahlen steigen stetig. FRIZZ Das Magazin hat mit Jennifer Gabel, einer der Gründerinnen, gesprochen.
Du hast die Würzburger Montagsspaziergänge zusammen mit deiner Mutter ins Leben gerufen. Was war der Anlass?
Das lässt sich nicht auf einen Grund herunter brechen. Es gab viele Anlässe seitens der Politik, die uns ‚zum Brodeln‘ gebracht haben. Den Anstoß endlich etwas zu Bewegen, hab es im Herbst letzten Jahres mit der AKW-Laufzeitverlängerung der Schwarz-Gelben-Regierung geben. Das war sicher einer der Hauptgründe für uns eine friedliche Demo ins Leben zu rufen. Zum Einen um die BürgerInnen der Stadt aufmerksam zu machen, zum Anderen aber um der Politik zu zeigen, dass nicht jeder mit dem Einverstanden ist was geschieht. Ich konnte es kaum fassen, dass ein Beschluss der Vorgängerregierung mir nichts, dir nichts umgeworfen wurde – und nahezu niemand regt sich auf. Wenn Dirk Nowitzki in die Stadt kommt schreien alle „hurra“, wenn aber Dinge passieren, die ganz andere Auswirkungen auf uns, unsere Kinder und unsere Zukunft haben, melden sich nur wenige Menschen zu Wort. Da haben wir beschlossen, einfach anzufangen.
Wie wurde eure „Bewegung“ aufgenommen?
Durchweg positiv. Es gab keinerlei Probleme bei der Organisation und Durchführung. Ich habe mit allem Möglichen gerechnet – doch von Anfang an wurden wir bestens unterstütz. Mittlerweile habe ich einen guten Draht zu der Dame des Ordnungsamts, die die Montagsspaziergänge mit uns organisiert. Wir telefonieren regelmäßig und sie steht voll hinter uns. Sehr überrascht bin ich auch von der Polizei. An dieser Stelle ein großes Dankeschön. Es wurde viel diskutiert unter den Spaziergängern, doch vom ersten Tag an waren die Jungs und Mädels sehr kooperativ – und sie freuen sich heuer schon auf jeden Montag (lacht). Wir wollen eine friedliche Bewegung sein und freuen uns über jede Unterstützung.
Wie lange habt ihr geplant und organisiert bis der erste Montagsspaziergang statt fand?
Vom Entschluss meiner Mutter und mir auf dem Balkon, bis zum ersten Treffen, vergingen knapp zwei Wochen. Es begann alles mit einer Email an unser Adressbuch. Egal ob Freunde, Bekannte oder berufliches Umfeld. Wir haben an alle eine Nachricht gesendet und uns sehr über den Zuspruch gefreut. Danach lief alles über das blau-weiße Social Network. Da es von Anfang an „gut gelaufen“ ist, denke ich, dass viele auf solch eine Möglichkeit gewartet haben – oder zumindest auch etwas Unmut verspür(t)en...
Was ist für dich „nachhaltige Politik“?
Nachhaltigkeit bedeutet die gleichberechtigte Betrachtung der Faktoren Ökologie, Soziales und Ökonomie. Das ist der Grund warum wir diesen Solgan gewählt haben. Für mich persönlich bedeutet Nachhaltigkeit vor allem auch Rücksichtname. Man muss an die Folgen denken, die Handlungen für Menschen, die Stadt, das Land bzw. den eigenen Planeten nach sich ziehen. Summa summarum geht es mir um Menschlichkeit. Ich möchte eine Regierung, die FÜR den Menschen arbeitet. Dabei ist es mir wichtig zu sagen, dass es keine einfachen, schnellen Lösungen gibt. Die Dinge sind zu komplex um zu sagen „so machen wir es, ist doch ganz einfach...“. Das würde ich mir nicht anmaßen. Wenn man aber als Grundmotiv den Menschen und eine sozial ausgeglichene Gesellschaft nimmt, würde sich vieles zum Positiven ändern. Sei es die Berechnung der Harz-IV-Sätze, die Kernkraftdebatte oder die Gesundheitspolitik.
Ein großes Anliegen von euch ist die Aktion „Würzburg steigt um auf Ökostrom“. Konntet ihr bereits Erfolge verzeichnen? (Stand 10.7.)
Ja. Wir haben bereits über 1000 Unterschriften gesammelt. Ich dachte zuerst, das seien etwas wenige – vor allem wenn man die Vorfälle in Fukushima bedenkt. Da wir beim entsprechenden Spaziergang über 14.000 Menschen waren, habe ich gehofft, dass mehr unerzeichnen. Aber ich habe mir aus fachkundigen Kreisen sagen lassen, dass 1000 Unterschriften sehr wohl nennenswert sind. Zudem muss man sagen, dass wir keinen großen Aufwand betrieben haben. Lediglich bei den Demos und über die Presse haben wir auf die Unterschriftenaktion aufmerksam gemacht. Am 16.7. ist einen Infostand in der Stadt geplant. Dort möchten wir nochmal auf uns aufmerksam machen, bevor die Unterschriften am 25.7. an den Oberbürgermeister, den Stadtrad und die WVV übergeben werden.
Was sind weitere Pläne von euch?
Wir möchten nicht nur „Bewegung“ im wörtlichen Sinne. Ziel ist es, noch mehr Dialog in der Öffentlichkeit zu erreichen. Informieren und diskutieren sind die Stichwörter. Es gibt bereits eine Bürgerinformation der Stadt, die wir gerne für solche Zwecke nutzen möchten. Meine Mutter und ich haben die Montagsspaziergänge nie als Anti-Atom-Bewegung geplant. Wir haben aber von vorne herein gesagt, dass wir keine Themen vorgeben, oder große Reden schwingen. Wir bieten lediglich ein Forum. Es soll die EinwohnerInnen unserer Stadt wachrütteln und ihnen zeigen, dass etwas los ist. Wir möchten einen Dialog starten und auf Missstände aufmerksam machen. Wer etwas zu sagen hat, sollte das auch tun. Nach unserem Spaziergang haben wir immer ein „offenes Mikrophon“ an dem verschiedenste Redner über unterschiedliche Dinge sprechen und sind für alle Themen offen.
Wie „weit“ wollt ihr Spazieren? Bis nach Berlin?
Nein, wir laufen brav unsere Route. Ich denke das „Geheimnis“ ist die Nachhaltigkeit (lacht). Wir sind verlässlich vor Ort und laufen pünktlich los. Mittlerweile ist es sogar so, dass wir am Kiliansbrunnen eher wenige sind und viele während des Spaziergangs dazu stoßen. Ein schönes Erlebnis war der Satz einer Mutter zu ihrem Kind, „Wollen wir mitlaufen? – Komm wir laufen mit...“. Das freut uns sehr. Von der Dauer haben wir gesagt, bis zur nächsten Bundestagswahl. Mal schauen wohin uns er Weg noch führt...
Interview: Max Schmitt
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