
Am 26. April 1986 ereignete sich eine der größten atomaren Katastrophen unserer Zeit. Im Block 4 des Kernkraftwerks nahe der ukrainischen Stadt Prypjat ereignete sich ein Super-GAU, der bisher als einziges Ereignis in den Annalen mit dem Höchstwert 7 (katastrophaler Unfall) betitelt wurde. Grund des Unfalls waren sowohl Mängel in der Konstruktion des Reaktors, sowie Planungs- und Bedienfehler bei einem Versuch, der zu einem unkontrollierten Leistungsanstieg führte.
Noch heute ist das Gebiet um den Mailer mit radioaktivem Material kontaminiert und wurde erst vor wenigen Wochen von einem Pro7-Wissensmagazin-Moderator besucht. Besagter Herr fuhr, mit Geigerzähler und Kamerateam ausgerüstet, in das Sperrgebiet, in dem laut (unbestätigter) Statistiken noch bis zu 2000 Menschen leben sollen. Die Folgen der nun fast 35 Jahre zurückliegenden Katastrophe sind noch heute deutlich zu erkennen. Vor allem Grundwasser, Natur und Nahrungsmittel stellen nicht nur für das 50-köpfige Wartungsteam, das in einem zweiwöchigen Wechsel nahe des Kraftwerks forscht, kontrolliert und wartet, eine Bedrohung dar. Welche vom Erdbeben und Tsunami verursachte Folgen die Aus- und Unfälle des AKW’s Fukushima l auf die kommenden Monate, Jahre, Dekaden und vor allem auf UNS, haben ist ungewiss. Vorab möchte ich jedoch einige Fakten einschieben, die bei der aktuellen Debatte in Deutschland – Atomausstieg ja/nein/jetzt? – anscheinend keine Rolle spielen, dies jedoch zumindest in den Köpfen derer tun sollten, die Volksvertreter wählen und so den Steuermann bestimmen, der den Zug fährt, der uns alle Richtung Abgrund geleitet. Denn wir sind berechtigt diesen alle vier Jahre auszutauschen – auch wenn sich der Kurs dadurch nicht ändert…
…Bei Nennbetrieb (Normalbetrieb) strahlt ein Kohlekraftwerk mehr radioaktive Strahlung ab als ein Kernkraftwerk. Atomkraftwerke unterliegen in unserem Staat hohen Sicherheits- und Wartungsbestimmungen. Glauben Sie lieber Leser, dass diese Sicherheitsbestimmungen in Polen, Tschechien und anderen Nachbarländern ebenso hoch sind? Wenn wir jetzt, heute, sofort, genau in diesem Moment, in dem Sie dieses prächtige Magazin in den Händen halten, alle AKW’s in Deutschland abschalten würden, könnten wir mit der restlichen Versorgung unseren Strombedarf nicht decken und müssten so von Nachbarländern – die weiterhin in voller Pracht Kernenergie zur Stromgewinnung nutzen – besagten Atomstrom kaufen. Auch wenn ich mich etwas aus dem Fenster lehne, aber: Sollte sich zum Beispiel in einem AKW in Tschechien, sagen wir in Temelín, rund 130 Km entfernt von Passau, ein solcher Gau ereignen, denken Sie dann wirklich lieber Leser, dass uns eine „grüne Mauer“ (und nein ich rede nicht von einer Menschenkette, angeführt von Jürgen Trittin und Claudia Roth…) schützt und dafür sorgt, dass eine radioaktive Wolke an Deutschland abprallt, nur weil unsere Mailer brach liegen? – und zu guter Letzt: Sicherheit wird in Deutschland immer groß geschrieben, denn laut dem Duden handelt es sich dabei um ein Substantiv…
Bei all der Ironie und dem Zynismus muss aber spätestens an dieser Stelle gesagt werden, dass sowohl die Situation in Japan, als auch dieser Artikel eine ernste Sache ist. Denn es sind nicht nur erschreckende Fakten, wie die Häufung von Naturkatastrophen in den letzten 50 Jahren, sondern vor allem auch schwere nachhaltige Folgen, die sich wie der Zinseszins immer weiter nach oben schrauben. Kann die Kernschmelze weder durch das Gemisch aus Meerwasser und Bor, noch sonst irgendwie gestoppt werden, zieht dies Folgen nach sich, die in ihrer Gänze kaum vorher zu sagen sind. Mensch, Tier und Natur würden sowohl unter aktiver, als auch unter lang anhaltender „passiver“ Strahlung leiden. Nicht nur der New Yorker müsste dann auf Sushi verzichten. Viele Produkte, wie Fisch oder eben auch Reis, importieren wir aus Japan und Umgebung. Der Versuch, die große Wärmeentwicklung durch den Einsatz von Meerwasser zu stoppen, birgt schon in der Idee neue, große Probleme. Da das Wasser verdampft bildet sich enormer Druck, der das weitere einpumpen von Wasser erschwert und zu Explosionen führen kann. Muss die Wasserkühlung ausgesetzt oder gar gestoppt werden, schmelzen die Schutzkörper bei Temperaturen zwischen 2000 und 2800 Grad Celsius – radioaktives Material tritt aus.
Sie werter Leser denken sich nun sicher zu Recht „na dann lasst doch Druck bzw. Dampf ab!“ – was ich in gewisser Art und Weise mit diesem Text versuche. In Japan führt dies jedoch dazu, dass der Dampf, der sich im Reaktor bildet und radioaktiv belastet ist, dann in die Umwelt käme. Nein – kommt! Denn dieser Problematik sind sich auch die Japaner bewusst, doch bleibt ihnen nichts anderes übrig. Da Dampf im Gegensatz zu Reissäcken nicht einfach umpurzelt und liegen bleibt, erhöht sich stetig das Risiko, die nahe und ferne Umgebung zu kontaminieren. Was uns nun erwartet wird spannend. Die nächsten Wochen zeichnen sich wohl weiterhin mit einer enormen Informationsflut in sämtlichen Medien aus. Doch wie lange soll die Debatte über Atomkraft noch am Stammtisch in der Kneipe oder am Schreibtisch im Bundestag diskutiert werden? (Alkoholpegel der Debattierenden in beiden Institutionen übrigens oft ähnlich!) Ich bin kein Kernkraftgegner per se – aber ich halte die Flagge für einen geregelten Ausstieg, den wir SOFORT in Angriff nehmen und beginnen müssen hoch.
Momentan verfügen wir nicht über genügend – zumindest in meinen Augen akzeptable – Alternativen. Doch genau da muss angesetzt, geforscht und gehandelt werden. Sowohl politisch, als auch zu Hause. Denn warum muss Laptop und Fernseher zum gleichen Zeitpunkt laufen, in dem Sie lieber Leser mit dem iPhone nach meiner Emailadresse googlen, um mir Ihre Meinung zu der Thematik in Japan und gerne auch diesem Text mitzuteilen?
Übrigens: schmitt@frizz-wuerzburg.de…
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