
Horden von Touristen, die nicht wegen Residenz, Festung oder Weinbergen in unsere Stadt reisen, werden wohl in der nächsten Zeit ausbleiben. Wer damit gemeint sein könnte? Die Rede ist natürlich von taubenfütterndem, brotkrumenumherwerfendem, essensrestefallenlassendem, brez‘nschnickendem, kipfbrößelverlierendem PLEBS! Ja genau von denen, die nur in unsere schöne Stadt kommen um von Straßencafés aus Tauben zu füttern. Man bekommt am Main keinen Sitzplatz, wenn wieder Taubenfütter-Hochsaision ist. Vom Marktplatz gar nicht erst zu sprechen. Bei aller Ironie. Letzten Endes ist es ein Ernsthaftes Thema. Wir feiern die neueste Errungenschaft in Deutschlands - bzw. Würzburgs – Schilderwald. FRIZZ Das Magazin hat mit der Diplom Betriebswirtin und Taubenbeauftragten der Stadt Würzburg, Christel de Azevedo, gesprochen…
Welchen Hintergrund hat das städtische Taubenprojekt?
Wie viele Städte im In- und Ausland sieht sich auch unser schönes Würzburg mit eklatanten Verunreinigungen von Gebäuden, Fassaden, Denkmälern und Parkhäusern durch Taubenkot konfrontiert. Die Vergrämung der Tauben, die an den einzelnen Gebäuden etc. siedeln, sowie die Beseitigung des Taubenkots verschlingen sehr hohe Summen. Das Thema ist primär ein sozioökonomisches Problem. Auf der einen Seite steht der finanzielle Aspekt, auf der anderen Seite lehnen engagierte Tierschützer und Taubenfreunde, wie auch das Tierschutzgesetz, Tötungsmethoden oder Vergrämungen, die bei den Tauben Verletzungen hervorrufen, ab. Das ist ein Zwiespalt mit dem wir konfrontiert sind. So kam es zum Handlungsbedarf und schließlich zur Plakataktion.
Welches Ziel verfolgen Sie mit diesem Konzept?
Ein gesunder und stadtverträglicher Bestand an Tauben. Das Augsburger Modell, das wir verwenden, beinhaltet ein Gesamtkonzept und wird zwischenzeitlich in 46 deutschen Städten umgesetzt. Ein Teil des Konzeptes ist das von der Stadt Würzburg erlassene Fütterungsverbot im gesamten Stadtgebiet, welches gegen die Auflage eines Bußgeldes geahndet wird. Dieses Verbot erfasst auch das Auslegen von Futter- und Lebensmitteln, die erfahrungsgemäß von Tauben aufgenommen werden.
Von welchen Zahlen sprechen wir bei der Verschmutzung?
Gab es gezielte Beschwerden, beispielsweiße von Anwohnern?
Eine Taube produziert ca. 12 kg Nasskot jährlich, 30 Tauben hinterlassen somit 360 kg Nasskot pro Jahr, mit dem sie ein besiedeltes Gebäude verunreinigen. Die in Taubenkot enthaltene Harnsäure zerfrisst Steine und korrodiert Metalle. Fassaden und Balkone werden verdreckt, es kann Geruchsbelästigung entstehen. Die Schäden in der Würzburger Innenstadt gehen zwischenzeitlich in die Millionenhöhe. Betroffene Anwohner, Geschäftsleute, Gastronomen, Hoteliers, Institutionen und viele mehr bitten händeringend um Unterstützung durch die Stadtverwaltung.
Wer ist für die Einhaltung und Maßregelung verantwortlich?
Das Einhalten des Fütterungsverbotes wird von unseren Kollegen des Kommunalen Ordnungsdienstes überwacht. Die Taubenfreunde, die die Tiere füttern, sind allerdings schwer zu stellen. Sie alternieren sowohl Tage als auch Uhrzeit. Mit Hilfe von engagierten Bürgern, die Wildfütterungen beobachtet und uns diese gemeldet haben, ist es uns jedoch gelungen, einige Wildfütterer ausfindig zu machen und entsprechende Bußgelder zu verhängen.
Was sind die Brennpunkte?
Die Brennpunkte sind identisch mit den Orten der Wildfütterungen. Es besteht also eine eindeutige Kohärenz zwischen unerlaubter Futtergabe und Brennpunkten. Um einige zu nennen: Ludwigstraße, Stadttheater, Hauptbahnhof, Kaiserstraße, Juliuspromenade, Kranenkai, Berliner Platz... Insgesamt handelt es sich um 17 herausstechende Plätze und somit auch 17 Plakat-Doppelständer.
Wer konzipierte und genehmigte diese Plakataktion – und was kostet(e) die Aktion bis heute über den Daumen?
Wie bereits ausgeführt, haben wir diese Aktion aufgrund vielfacher Bürgerbeschwerden durchgeführt. Da Würzburg Europastadt ist – und wir besonders im Frühjahr viele ausländische Touristen willkommen heißen – haben wir das Fütterungsverbot neben Deutsch in Französisch, Englisch und Spanisch kommuniziert. Das Ganze wurde über den offiziellen Dienstweg genehmigt, von mir übersetzt, von unserem Stadtgrafiker Markus Westendorf als Plakat umgesetzt und anschließend als Plakat-Doppelständer für vier Wochen genau an den Orten aufgestellt, an denen wild gefüttert wird. Die Kosten hierfür liegen im unteren dreistelligen Bereich.
Was sagen Sie zu Gegnern, die Argumente wie „verschandeltes Stadtbild“ anbringen?
Wir möchten als Gegenargument die Frage in den Raum stellen, welchen Eindruck wohl verkotete Denkmäler, verschmutzte Fassaden und Parkhäuser, auf Gäste und Bürger unserer Stadt machen? Fühlt man sich von Schildern wirklich mehr belästigt?
Wie hat die breite Masse darauf reagiert?
Die Resonanz der Bürgerschaft war überwältigend. Viele Bürger haben diese Aktion sehr begrüßt und unsere Idee für gut befunden. Einige Bürger haben das Anbringen von zusätzlichen Plakatständern an weiteren Orten gefordert. Wir haben sogar die Anregung erhalten, den Text ins Italienisch zu übersetzen.
Ihr abschließendes Fazit?
Wir hoffen, dass wir mit unserer Aktion dazu beigetragen haben, dass die massiven Wildfütterungen letzten Endes eingestellt werden. Ich möchte nochmals darauf hinweißen, dass das Füttern der Tauben im gesamten Stadtgebiet verboten ist. Ein Verstoß kann mit einem Bußgeld bis zu 1000 Euro geahndet werden.
Unser Appell an alle Bürger: Tierschutz ist, Tauben nicht zu füttern!
In diesem Sinne lautet unser Credo: Kein Gegeneinander, kein konkurrierendes Nebeneinander, sondern vielmehr ein Miteinander. Immer mit dem Zweck, die Taubenpopulation tierschutzgerecht zu regulieren, um eine gesunde stadtverträgliche Anzahl zu erhalten.
Interview: Max Schmitt
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