
Prof. Dr. Meyer-Renschhausen hat Soziologie und Volkswirtschaftslehre in Marburg und Oldenburg studiert. Promoviert und habilitiert hat er in dem Fach Volkswirtschaftslehre und ist seit 1990 Professor für Energiewirtschaft am Fachbereich Wirtschaft der Hochschule Darmstadt. FRIZZ das Magazin hat mit ihm über die Ereignisse in Japan und mögliche Folgen gesprochen...
Wie genau kam es zu Katastrophe in den Atomkraftwerken Japans?
Das Erdbeben hat nach den gegenwärtigen Erkenntnissen zu keinen größeren Zerstörungen geführt. Obwohl die Anlagen lediglich auf eine Erdbebenstärke von 8,2 auf der Richterskala ausgelegt werden mussten, haben sie offensichtlich auch die Erdbebenstärke 9,0 ausgehalten. Es gab hier einen Sicherheitspuffer. Die Probleme stammen von der Überflutung der Anlage, speziell der Kühlsysteme. Die Flutwelle war mehr als doppelt so hoch wie die Tsunami-Schutzmauer. Die Stromzufuhr für die elektrische Notkühlung wurde unterbrochen und die zusätzliche Kühlung durch die Dieselaggregate wurde beschädigt.
Hat der Mensch Einfluss auf solche Naturgewalten, bzw. kann so etwas verhindert werden oder besteht immer ein unvermeidliches "Restrisiko"?
Risiko ist definiert als das Produkt von Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensumfang. Beide Größen können durch technische Vorkehrungen, Personalschulungen etc. verringert werden. Dennoch kann es zu einer Verkettung von natürlichen, technischen und menschlichen Fehlern kommen, die zu nennenswerten Schäden führen. Die Schutzhülle (das Containment) sollte so gestaltet sein, dass selbst im Falle einer Kernschmelze, das radioaktive Material nicht in die Umwelt gelangt. Dies ist im Falle des Leichtwasserreaktors von Harrisburg (USA) gelungen, im Falle des anders konstruierten Reaktors von Tschernobyl dagegen nicht.
Was können die Folgen für die Zukunft und explizit für Europa/Deutschland sein?
Nach Auffassung der Experten sind für Deutschland keine direkten gesundheitsschädigenden Effekte zu erwarten. Der Anstieg der radioaktiven Strahlung ist zwar messbar, bleibt aber deutlich unter den Grenzwerten. Auch indirekt, etwa über den Import von Fisch aus Asien, sind kaum Schädigungen zu erwarten, da der in Deutschland verkaufte Fisch kaum aus Ostasien kommt.
Wie steht es um hiesige Kernkraftwerke?
Es gibt in Deutschland einige Gebiete, in denen es immer wieder einmal zu Erdbeben kommt, etwa in der Kölner Buch, im Bodensee-Neckar Gebiet oder in Thüringen. Das letzte Beben mit einer Stärke von etwas über 6 liegt ca. 250 Jahre zurück. Bei der Genehmigung von Kernkraftwerken in Deutschland wird aufgrund von standortspezifischen und seismologischen Kenngrößen ein Bemessungserdbeben definiert. Dieses der Auslegung der Anlage zugrunde liegende Beben darf eine Eintrittswahrscheinlichkeit von 1 : 100.000 besitzen, also nur einmal in 100.000 Jahren auftreten. Bei der „Auslegung“ von konventionellen Gebäuden wird von einem Erdbeben ausgegangen, dass einmal in 475 Jahren eintritt.
Flutwellen wie die durch den Tsunami sind bei uns nicht zu befürchten. Dennoch, durch eine unglückliche Verkettung von Umständen kann es auch bei uns zu einem Ausfall von Kühlsystemen kommen. Die Wahrscheinlichkeit wird allerdings minimiert, indem die Sicherungssysteme mehrfach und zudem verschiedenartig ausgelegt werden.
Was würde geschehen, wenn wir in Deutschland auf Kernkraft verzichten und alle AKW´s vom Netz nehmen würden?
Die Auswirkungen hängen davon ab, wie schnell dies geschieht. Die geplante Abschaltung der ältesten 7 Kernkraftwerke wird keine großen Strompreiserhöhungen nach sich ziehen. Dennoch bleibt eine Verminderung des Angebots nicht folgenlos: Die Preise für sogenannten Stromfutures (z.B. für Stromlieferungen im Jahr 2012) sind an der deutschen Strombörse EEX gestiegen, von ca. 53 ¤/MWh auf ca. 58 ¤/MWh. Da sich die deutschen Energieversorgungsunternehmen bereits jetzt für 2012 eindecken kann dies 2012 zu einer Strompreiserhöhung von ca. 0,5 Cent führen. Im Falle einer sofortigen Abschaltung aller deutschen Kernkraftwerke würde der Preissprung sicherlich stärker sein, da Kernstrom durch eine erhöhte Erzeugung von Kohle- und Gaskraftwerken ausgeglichen werden müsste. Denn nur diese Kraftwerke sind in der Lage permanent Strom zu liefern. Die steigenden Strompreise in Deutschland würden aber auch zu einem verstärkten Stromangebot ausländischer Stromkonzerne führen. Vor allem französische Stromkonzerne sind bei uns sehr aktiv. Dem Preisauftrieb würde auf diese Weise entgegengewirkt, zugleich würde aber auch der Atomstromanteil im deutschen Energiemix ansteigen.
Welche (Langzeit-)Folgen hätte eine Umstellung auf "Ökostrom"?
Durch die Ereignisse in Japan sind bei uns die Sicherheitsrisiken von Kernkraftwerken in den Vordergrund gerückt. Das zentrale Problem bleibt jedoch der Klimaschutz. Durch die Verknappung von CO2-Emissionsrechten werden die Stromerzeugungskosten von fossilen Kraftwerken deutlich ansteigen. Das macht den „Ökostrom“ wettbewerbsfähiger, aber auch stromsparende Technologien. Ökostrom hat gegenüber dem fossil erzeugten Strom den Vorteil, dass er emissionsfrei produziert wird. Die Bereitstellung erneuerbarer Energien wirft jedoch auch Probleme auf, die mit der geringen Energiedichte und dem damit verbundenen Flächenbedarf verbunden sind: 1. Wind und solare Strahlung stehen nicht immer zur Verfügung. Dies wirft die Notwendigkeit der Speicherung auf. Stromspeicherung mittels Speicherkraftwerken ist jedoch mit Landschaftseingriffen verbunden. 2. Die besten Standorte für Windkraftwerke (an der Küste und in der Nordsee) und Solaranlagen (Spanien, Nord-Afrika) sind häufig weit von den Zentren des Stromverbrauchs entfernt. Dies macht den Ausbau von Fernleitungstrassen erforderlich. Sie sind ebenfalls mit Landschaftseingriffen verbunden. 3. Der Anbau von Energiepflanzen für die Herstellung von flüssigen und gasförmigen Energieträgern erhöht national wie international die Nachfrage nach intensiv zu bewirtschafteten Anbauflächen. Da die nationalen Flächen knapp sind wird ein Teil unserer Nachfrage durch Flächen im Ausland zu decken sein. Es ist nicht auszuschließen, dass Waldflächen und Flächen der Nahrungsproduktion zur Erzeugung von Biosprit herangezogen werden. Das Spannungsverhältnis zwischen der Erzeugung erneuerbarer Energien und dem Landschafts- und Artenschutz muss in jedem Falle sehr ernst genommen werden.
Interview: Max Schmitt
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