
Ihr Markenzeichen ist, neben dem gekonnten Mix aus moderner Rockband und mittelalterlichen Klängen, eine unglaubliche Bühnenshow. Pyroeffekte zum Abwinken, Energie, die sofort aufs Publikum überspringt. FRIZZ hat mit Specki von In Extremo gesprochen…
In euren Texten und eurer Musik ist etwas mehr ‚Moderne’ als früher zu spüren. Rock und Mittelalter scheinen mir etwas harmonischer. Wagt ihr euch an eine neue Front, oder setzt ihr gezielt wechselnde Schwerpunkte?
Erstmal danke. Ich würde es aber nicht wirklich definieren wollen. In erster Linie finde ich es wichtig, dass sich eine Band weiter entwickelt. Gerade bei In Extremo ist das deutlich zu spüren. Die Band stand nie wirklich still – und das ist das Entscheidende. Auch wenn es meine erste Platte mit der Band war, ist es, wie schon gesagt, sich immer weiter zu entwickeln. Ob Unternehmen, Sportverein, Privatleben oder eben in einer Band. Es gibt immer Leute, die etwas ‚sauer’ sind, dass wir nicht mehr ‚total mittelalterlich’ unterwegs sind, sondern einen Mittelweg finden wollen, zwischen anspruchsvoller Rockmusik und Mittelalterklängen. Doch da denke ich mir nur: „Was habt ihr vor 17 Jahren gemacht? Habt ihr euch nicht verändert?“ Die Schwerpunkte setzen wir nicht gezielt, sie entstehen vielmehr durch unsere Weiterentwicklung.
Zudem wart ihr immer Vorreiter. Zum einen was die mittelalterliche Musik angeht, zum anderen in Puncto Bühnenshow etc. – wenn andere an diesen Punkt kommen, seid ihr wieder einen Schritt weiter in eurer Entwicklung.
Das ist sehr nett! Schön, dass das endlich mal jemand sagt (lacht). In Extremo ist natürlich eine Band die polarisiert – und das ist gut so. Es gibt immer Leute, die uns als ‚das Beste überhaupt’ betiteln, doch genauso viele, die mit dieser „grausamen Musik“ nichts anfangen können. Wir sind ja keine Mainstream-Band, sondern machen das, was wir gut finden und was uns repräsentiert.
„Der Graf“ ist Gastsänger bei dem Titel „Hol die Sterne“. Wie kam es zu dieser Kooperation?
Man kennt sich schon lange, schließlich ist auch er seit rund 15 Jahren auf den Bühnen dieser Welt unterwegs. Anfangs mit mäßigem Erfolg, bis jetzt der große Durchbruch kam. Das Schöne dabei: Er ist ganz und gar auf dem Boden geblieben. Ein super netter, offener und umgänglicher Typ. Vor Jahren hat er auf Festivals noch fünf Stunden vor uns gespielt. Diese Situation hat sich natürlich gewandelt. Zu Recht muss man sagen! So kam es dann dazu, dass man sich wieder über den Weg gelaufen ist und wir haben angefangen rum zu spinnen. Der eigentliche Deal war, dass er – der In Extreme schon lange mag und verfolgt – einen Song bei uns mitsingt und wir dafür eine Show mit ihm spielen. Letzteres haben wir diesen August in Neu Isenburg in Angriff genommen. Die Zeit mit ihm im Studio hat viel Spaß gemacht.
Das ist aber kein Versuch auf den Hype um ihn aufzuspringen?
Nein – auf keinen Fall. Das hat In Extremo nicht nötig. Wir haben schon immer mit Gastsängern gearbeitet. In der langen Geschichte dieser Hochkaräter gab es nie eine Kooperation „zu unseren Gunsten“. Das war und ist nicht das Ziel. Man bedenke, dass wir – absichtlich – auch mit bekannten Künstlern aus anderen Musikrichtungen gearbeitet haben, wie beispielsweise Thomas D oder Joey Kelly. Es sind immer Kooperationen, die wir nicht im eigenen Fahrwasser suchen. Wir möchten einfach Vorreiter sein, uns weiterentwickeln und freuen uns immer über Zusammenarbeit mit anderen Musikern.
Vorreiter und weiterentwickeln: Wenn ich mich recht entsinne, hat Michael einmal betont, dass ihr ‚reine Entertainer’ seid. Das kann – und will – ich nicht bestreiten. Doch woher kommen die kritischen, gar etwas politischen Texte von „Auge um Auge“ oder „Stalker“? Werdet ihr erwachsen?
(lacht) Natürlich werden wir nicht erwachsen. Aber man darf sich auch mit ernsteren Themen auseinandersetzen. Das machen Kinder auch. Vielleicht mit einem kleinen Augenzwinkern und ohne Druck, der auf einem lastet. Diesen Druck haben wir auch nicht. Es gibt im ganzen Leben persönliche Erfahrungen, die dann eben zu einem Text wie „Stalker“ führen. Von nichts kommt nichts. So gibt es natürlich auch eine Geschichte hinter Texten wie „Viva la vida“.
Die da wäre?
Da war es wie besungen (lacht). Wir sind aus der Kneipe geflogen und standen früh um halb 7, stark betrunken, in Berlin auf der Straße. Das möchte man dann irgendwie aufarbeiten. Letzten Endes spiegelt jeder Text von In Extremo eine Situation oder eine Erfahrung aus unserem Leben wieder. So entstehen Texte wie „Auge um Auge“.
Ihr seid eine Liveband, die mit viel Aufwand und (Pyro)Technik ihre Konzerte zu großen Happenings verwandelt. Habt ihr einen eigenen „Choreographen“, oder gibt es eine treibende Kraft in euren Reihen?
Wir sind dabei sehr demokratisch. Das (kleine) Problem ist, dass man als Musiker auf der Bühne steht und die Show nie von vorne miterleben kann. Wir können es nicht so recht beurteilen, haben aber ein tolles Team und eine sehr aufmerksame Crew, die uns Tipps geben. Zudem sind unsere Pyrotechniker sehr versiert und engagiert.
Gab es schon einmal Unfälle mit der Pyrotechnik?
Ja. Vorab: Man muss bedenken, dass es in geschlossenen Räumen immer einfacher ist Pyro einzusetzten, da man keinen Wind hat, der die Technik beeinflusst. Bei Open-Air-Festivals kam es so schon ab und an zu kleineren Unfällen. Beim Deichbrand Festival in Cuxhaven hatten wir durchgehend Windstärke 8, mit gelegentlichen Orkanböen. Da war kein Einsatz der Pyro möglich. Entweder wären wir, oder das Publikum verkokelt. Micha hat schon mal einen Funken auf die Zunge bekommen, oder etwas vom Kostüm verloren – das ist nicht allzu wild. Wenn ich mich recht entsinne, gab es bisher drei größere Unfälle mit Krankenhausaufenthalt. In Zürich hat er sich vor vielen Jahren seinen kompletten linken Arm verbrannt. Es passiert immer wieder etwas, aber man kann ein wenig „vorsorgen“. Ich sitze beispielsweise immer mit klitschnassen Haaren am Schlagzeug. Unser achtköpfiges Pyro-Team ist zudem sehr aufmerksam. Alles Profis. Wir würden auch nie komplett darauf verzichten, denn Stichflammen etc. wirken ja nicht nur visuell. Es kommt – selbst Open Air – ein riesiger Hitzewall auf die Menge zu. Damit kann man super arbeiten und die Leute – im wahrsten Sinne – anheizen.
Ihr wart „vor deiner Zeit“ mit eurer Musik nicht nur in der realen Welt unterwegs. Weißt du, wie es damals zu dem Auftritt im Rollenspiel „Gothic“ kam?
Dahinter steckt ebenfalls ein alter Freund der Band. Dieser ist bei der Computerspiele-Firma gelandet und hat zufällig beim Tanken zwischen Berlin und Leipzig Micha getroffen. Die Beiden kamen ins Gespräch und er schlug vor, dass In Extremo im Spiel auftreten soll. Damals war es ganz neu, dass Bands in Computerspielen auftauchen – da waren wir quasi auch wieder Vorreiter (lacht).
Wurden die Jungs dazu persönlich eingeladen und „designed“, oder hat man ihr Erscheinungsbild ohne Vorlage programmiert?
Soweit ich weiß, wurde die Band in ein Studio nach Berlin eingeladen. Man hat Gesichter gescannt, Bewegungen animiert und und und. Das Ganze dürfte sehr aufwendig gewesen sein.
Es gibt immer mehr Bands, gerade im „Rock´n´Roll“ bzw. „Rockabilly“-Bereich, die Charthits ihre eigene Note aufdrücken. Habt ihr, z.B. nach dem Cover der Editors, einmal über ein Coveralbum nachgedacht, in dem ihr aktuellem Liedgut die Mittelalter-Rock-Marke einbrennt?
Mhhhhh. Nicht wirklich. Es ist lustigerweise schon lange ein persönlicher Wunsch von mir, da ich ein großer Fan von Coverversionen bin. Charmant und gut gemacht, ist so etwas immer eine Bereicherung. Ich würde mal behaupten, dass wir uns sicher nicht dagegen sträuben würden – und Editors war ja nicht der einzige Coversong. Vielleicht kommt so etwas einmal. Und wenn man es ganz genau nimmt, covern wir Melodien aus dem Mittelalter (lacht).
Ihr habt nicht nur Melodien, sondern auch Texte aus vergangenen Zeiten und Kulturen. Wer ist euer Sprachtalent?
Unser Bassist Kay Lutter ist sehr sprachgewandt und ein sehr belesener Mensch, der sich mit all dem auseinandersetzt. Er schaut was es mit den ‚Traditionals’ auf sich hat und wie man diese verarbeiten kann. Bei den Gälischen Texten hilft uns zum Beispiel die Mutter von Rea Garvey (Reamonn; Anmerkung der Redaktion). Sie spricht gälisch und greift uns gerade bei Interpretation und Aussprache unter die Arme. Wenn Fragen aufkommen, ist Rea´s Mutti da (lacht).
Ihr spielt viele Festivals, seid aber auch regelmäßig auf (Welt-)Tournee. Was macht mehr Spaß: Wenn die Leute „nur wegen euch“ in Scharen angeströmt kommen, oder wenn man Teil eines mehrtägigen Happenings ist?
Das ist eine ganz schwierige Frage. Das Schöne an unserem Beruf ist die Vielfalt. Wir haben keinen 9 to 5 job. Jedes Konzert steht für sich und ist etwas Anderes. Egal ob Open Air, Indoor- oder auch Radioshows – uns, bzw. mir, macht alles Spaß. Ich kann mich noch gut an die Clubtour im Februar erinnern, als wir vor maximal 800 Leuten spielten. Das ist für In Extremo – etwas überspitzt formuliert – gerade mal die Gästeliste (lacht). Da ist man natürlich sehr nah am Publikum. Das sind tolle Erfahrungen mit besonderem Flair. All das macht auf seine Weise Spaß. Ich selbst bin auch ein kleiner Weltenbummler und freue mich immer, wenn Konzerte weit weg sind. Die „70000 tons of metal“-Geschichte wird sicher auch sehr interessant.
Für alle die den Metal-Dampfer nicht kennen, was steckt hinter „70000 tons of metal“?
Ich würde sagen, es ist ein Metal-Festival auf einem Kreuzfahrtschiff. Im Januar werden wir durch die Karibik fahren und zwei drei Konzerte auf dem Schiffsdeck spielen. Das ist für uns ein wahnsinnig großes Geschenk – und wir freuen uns sehr, dass wir solche Happenings miterleben dürfen und Erfahrungen machen, die man sicher sein Leben lang nicht vergisst. Da ist man immer wieder froh, dass es mit der Band so gut läuft.
Erwartet uns auch am 17.12. ein InEx-eskes Abenteuer?
Auf jeden Fall! Wir sind gerade in Deutschland immer sehr am Start. Da Würzburg auch zu Bayern gehört, hoffen wir mal, dass mit den Pyro-Auflagen etc. alles klappt. Es gibt tolle Musik, tolle Texte, gut aussehende junge Musiker mit alten und neuen Instrumenten (lacht). Wir freuen uns sehr darauf!
Interview: MAX SCHMITT
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