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Eine Ansage zur Absage

FRIZZ im Gespräch mit Kevin Hamann von Bratze

„Jedem seine Konfektion, jedem seine Explosion“, heißt es in dem neuen Bratze-Song „Ich und die Geister“. Laut Kevin Hamann von Bratze steht diese Aussage für das Motto „Leben und leben lassen“. FRIZZ Das Magazin hat mit dem Bratze-Sänger über das neue Album, seine Erwartungen, sein Label Audiolith und vieles mehr gesprochen. 

 

„Das ist keine Bewegung, wir passen da nicht rein! “ heißt es im Eröffnungsstück „Ohne das ist es nur noch laut“ eures neuen Albums. Wie ist das zu verstehen?

 

Wir wollen uns weder auf einen Stil noch auf eine Aussage festlegen. Wir halten uns alles offen und haben keine Lust dazu, dass uns ein gewisses Profil zugesprochen wird. Wenn dann machen wir das selber und das verändern wir gerne temporär – je nachdem wie wir uns gerade ­fühlen.

 

In dem Video zur Single sieht man euch als 70er-Jahre-Schlagerstars in einer urigen Kneipe. Wer hatte die Idee dazu?

 

Wir haben das Video in einer Kneipe in Kiel namens „Weltruf“ gedreht. Die Idee hatte ich zusammen mit dem Regisseur, der mir einen Link zu einem anderen Video aus den 70ern aus der Hitparade geschickt hat. Da musste ich dann spontan an den Laden in Kiel denken, und wir haben uns dort getroffen und mit der VHS-Kamera aufgenommen. Uns hat der Kontrast von der Location, unserem Aussehen und der Kameraführung zu der neumodischen Musik sehr gut gefallen.

 

Was unterscheidet eurer neues Album „Korrektur nach Unten“ von eurem Debüt „Kraft“?

 

Das müssen die Leute selber entscheiden. Meine persönliche Meinung: Es ist eine Art Fortsetzung vom Debüt, wir öffnen uns etwas mehr, so gesehen ist es ist auch eine Weiterentwicklung für uns. Dennoch sind wir uns treu geblieben.

 

Der zweite Teil des Albumtitels heißt „die Notwendigkeit einer Übersetzung“.

 

Die Übersetzung muss jeder für sich selber vornehmen. Bei dem Titel geht es um Missverständnisse und die Reduzierung auf den einfachen Punkt. Das ist ja nicht immer ganz einfach und wahrscheinlich die Lebensaufgabe überhaupt und jeder hat dafür seine eigene Übersetzung.

 

Bei eurem Facebook-Profil habt ihr folgenden Spruch gepostet: „Wir erwarten gar nichts…außer alles.“ Könnte diese Aussage als Bratze-Maxime durchgehen?

 

Ich glaube, es ist immer gut, wenn man ohne Erwartung an etwas herantritt. Klar sind wir dadurch gebrandmarkt, was wir mit „Kraft“ erlebt haben. Da wussten wir überhaupt nicht, worauf wir uns einlassen, und wurden von der Resonanz total überrascht. Jetzt geht der Rummel um „Korrektur nach Unten“ ja gerade erst los, und ich glaube, das wird alles ganz gut laufen und wir sehen positiv in die Zukunft, aber haben jetzt keine großen Erwartungen, dass es noch mehr abgeht. Das ist auch eine Art Selbstschutz. Wir nehmen uns da nicht so ernst und denken, dass wir das Ding megaweit nach vorne bringen müssen, sondern lassen das Ganze eher gediegen angehen.


Bei dem Song „Das einfache Fluten“ singst du: „Verbrenne dein Netzwerk, lösch deine Profile, hol dir dein Leben zurück.“ Wie stehst du selber zum social networking?

 

Ich bin total süchtig danach und vollkommen in dieses social networking involviert. Der Song ist daher auch als eine Art Selbstkritik zu verstehen. Ich merke selber, wie viel Zeit ich für diesen Quatsch unsinnig verschwende. Man gerät in einen gewissen Rausch. Wenn alle von myspace zu facebook wechseln, muss man im Strom mitfließen, um up to date zu sein. Deshalb vielleicht auch der Titel „Das einfache Fluten“.


Das Audiolith Festival war in beinahe allen Städten restlos ausverkauft. Was sagst du zu dem momentanen Label-Hype?

 

Das finde ich großartig und berechtigt. Audiolith gibt es jetzt sechs Jahre. Lars Lewerenz (Anmerkung der Redaktion: Der Labelchef von Audiolith) hat einfach soviel Power hineingesteckt, und endlich erntet er die gewisse Anerkennung, die er bzw. Label und Künstler verdienen. Ich finde es einfach nur geil, dass es gerade so abgeht.

 

Was sagst du zu den kritischen Stimmen, die behaupten, dass Audiolith im Mainstream angekommen sei?

 

Die hast du immer. Je mehr Leute du hast, denen es gefällt, desto mehr Kritiker hast du. Da kann man nichts gegen machen. Das habe ich 2005 am eigenen Leib erlebt, als es hieß: „Der bringt jetzt eine CD raus und keine Kassetten mehr, das ist ja voll Mainstream.“ Unsere Aufgabe ist es nicht, es allen recht zu machen, sondern uns gut zu fühlen mit dem, was wir machen. Das ist auch das Wichtige für Audiolith: Dass die Leute erkennen, dass da ist eine Truppe von Leuten ist, die das machen, worauf sie Bock haben. Was die Leute flasht, dass es Herz und Energie hat und wir alle von ganz unten kommen. Nur weil wir ausverkaufte Shows haben, sind wir noch lange kein Mainstream.

 

Der durchschnittliche Audiolith-Besucher ist unter 20 und grölt beispielsweise „Raven gegen Deutschland“ von Egotronic lauthals mit, ohne den Text wirklich zu verstehen bzw. zu hinterfragen. Wie stehst du zu diesem Vorwurf?

 

Ich war früher mit 16 genauso auf Punk-Konzerten und hab die Lieder mitgesungen, die ich vielleicht erst ein paar Jahre später verstanden habe. Das war eine wichtige Zeit für mich und eine Prägung. Jetzt sind wir die, die auf der Bühne stehen, und die Kids absorbieren das. Ob sie damit etwas anfangen können oder nicht, das können wir nicht beeinflussen, aber zumindest können wir ihnen Futter geben. Was sie dann damit machen, ist ihre Sache. Das können wir nicht kontrollieren, aber das wollen wir auch gar nicht.

 

Welche Bands haben dich in jungen Jahren beeinflusst?

 

Mit 16 war ich auf Konzerten aus dem Bremer Hardcore-Bereich wie Rusty James. Prinzipiell habe ich mich für Hardcore-Kram wie Ignite, Biskits oder Battery interessiert. Den Kontakt zur Hamburger Schule hatte ich auch ziemlich früh. Das erste Album von Tocotronic habe ich rauf und runter gehört, konnte alles nachspielen, und wenn ich es jetzt anhöre, kann ich immer noch jede Zeile mitsingen. Das wird auch nie aufhören.

 

Was begeistert dich momentan?

 

Ich bin sehr offen für verschiedene Stile, aber mittlerweile hauen mich wenige Sachen noch so wirklich um – das wird leider immer weniger mit dem Alter. Man kennt einfach schon sehr viele gute Platten und es ist schwierig, die noch zu toppen. Das aktuelle Jochen-Distelmeyer-Album finde ich sehr gut. Die kommenden Alben von Egotronic („Ausflug mit Freunden“ VÖ 30.4.) und Frittenbude („Katzengold“ VÖ 28.5.) hauen mich auch wahnsinnig um. Das Frittenbude-Album ist, so glaube ich, das Beste, was je auf Audiolith veröffentlicht wurde.

 

Letztes Jahr warst du als ClickClickDecker bereits beim Cairo-Hoffest zu Gast. Wann gibt es von deinem Alter Ego wieder etwas Neues?

 

Jetzt ist erstmal Bratze-Zeit. Um ClickClickDecker kümmere ich mich momentan gar nicht. Ich trenne das immer ganz gerne voneinander. Ein Jahr mache ich das und das andere wieder das. Jetzt sind wir ja gerade in der heißen Phase und vielleicht fange ich nach der großen Tour im Sommer an, neue ClickClickDecker-Stücke zu schreiben. Da lasse ich mich dann treiben, das ist ganz angenehm. Über diese Option bin ich sehr froh, so muss ich mir keinen Druck machen.

 

Interview: Katharina Försch

Autor: frizzwue

Eintritt: VVK: 9 Euro, AK 12 Euro. VVK im Cairo und H2O, oder über www.kommkuessen.com Beim Cairo Hoffest spielen auch Ira Atari & Rampue sowie I Heart Sharks. Das Festival findet bei jedem Wetter statt, bei Regen werden einzelne Programmteile ins Haus verlegt, Bratze spielt draußen. Aftershow-Party “I am Disco Rocker” im Pleicher Hof mit Zündfunk-DJ und DJ Zweilicht. Eintritt für Konzertgäste frei.

 

http://www.cairo.wue.de

 

 

 

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