
Mit zwölftem Album im Gepäck ist die seit 1985 bestehende Berliner Band Element Of Crime 2011 auf Tour und beehrt am 10.2. auch die Würzburger Posthalle. FRIZZ Das Magazin hat vorab mit Sänger, Gitarrist, Bandmitbegründer, Schriftsteller und Drehbuchautor Sven Regener gesprochen.
Der Titel eures neuen Albums lautet „Immer da wo du bist bin ich nie“ . Hat das etwas mit einer Art Flucht zu tun?
Schwer zu sagen. Ja. Wahrscheinlich. Vielleicht. Mit dem Verdacht darauf, dass der andere wegläuft. Es hat viel mit Verwirrung und seltsamen Erlebnissen zu tun. „Immer da wo du bist bin ich nie“ ist ja eine etwas widersprüchliche Aussage, klingt aber auch irgendwie toll und es macht auch Spaß das Lied zu singen. Es ist schon ein sehr spezieller Song und scheint zu dem ganzen anderen Kram der da erzählt wird ganz gut zu passen.
Ist es korrekt, dass euch der Tod von Bo Diddley (Anm. der Red.: Rock‘n‘Roll-Pionier, der ganze Generationen von Rockmusikern beeinflusste) zu dem Album inspiriert hat?
Bo Diddley hatte einen großen Einfluss auf die ganze Band, da wir diesen einen Grundrhythmus bzw. Beat, für den er so steht, sehr oft in unseren Liedern verwendet haben. Wenn wir neue Songs machen, tragen wir sehr musikalische Ideen zusammen, d.h. wir machen zuerst die Musik komplett fertig und dann fange ich erst irgendwann an die Texte dazu zu schreiben. Bei „Kopf aus dem Fenster“ hört man den Diddley-Einfluss besonders heraus.
Es heißt, dass ihr euren Bandnamen aufgrund des gleichnamigen Titels eines Lars von Trier Filmes habt. Wieso gerade dieser Film?
Wir fanden, dass „Element Of Crime“ gut klingt. Und dass der leicht seltsam-surreale, unruhig-gefährliche Einschlag des Films ganz gut zu uns passt. Am Anfang ist jeder Bandname doof, aber wenn er sich durchgesetzt hat ist er natürlich super und man fragt sich wie man jemals hat über etwas anderes nachdenken können. Das liegt wahrscheinlich in der Natur der Sache.
Eure aktuelle Platte, die mit Gold ausgezeichnet wurde, ist gleichzeitig auch die erfolgreichste. Wie erklärst du dir das?
Das liegt vielleicht an der normativen Kraft des Faktischen (lacht). Wir machen das jetzt schon so lange, dass es sich nun auch irgendwie durchsetzt. Element Of Crime ist ein seltsames Phänomen, weil wir nie so etwas wie Single-Hits hatten. Wir sind eine Band mit einer sehr langen Geschichte, die von einem stetig wachsenden Erfolg begleitet ist. Es gab eigentlich nie eine Abwärtsbewegung bei uns – ganz im Gegenteil – es ging immer irgendwie aufwärts. Das ist natürlich toll, weil man auf diese Weise auch immer Lust hat weiterzumachen. Erfolg ist natürlich eine Form von Anerkennung und es ist sehr schwer lange durchzuhalten ohne Erfolg. Bei uns kam das immer nur in kleinen Dosen – wie wenn man eine Karotte vor die Nase gehalten bekommt und abbeißen darf damit man weiterläuft. Deshalb bekommen wir jetzt goldene Schallplatten. Wobei man nicht vergessen darf, dass man bei unseren Anfängen 250.000 Stück verkaufen musste um eine zu bekommen. Heute sind es nur noch 100.000 Stück, was auch mit dem schrumpfenden Markt zu tun hat.
Mit „Fremde Federn“ ist in diesem Jahr auch eine Sammlung eurer Coverversionen der letzten 20 Jahre erschienen. Kann man aus einem schlechten Song ein gutes Cover machen?
Nein, das kann man nicht. Genauso wie man aus einem schlechten Drehbuch keinen guten Film machen kann. Wenn man dann trotzdem einen guten Film draus machen kann, dann war das Drehbuch gar nicht so schlecht.
Aus einem guten Song ein schlechtes Cover zu machen ist da wahrscheinlich einfacher?
Man kann Sachen immer verhunzen, aber das ist schwer. Es ist überhaupt schwierig schlechte Musik zu machen. Darüber habe ich mich mal mit Leander Haussmann unterhalten. Einer der Hauptdarsteller seines Films Sonnenallee wollte unbedingt diese eine Rolling Stones Platte haben. Am Ende hat er sie, legt sie auf und – das war die Idee im Drehbuch – dann war plötzlich ganz schreckliche Musik darauf. Statt den Rolling Stones haben sie ihm einfach eine Fälschung untergejubelt. Und Leander meinte es wäre echt schwer gewesen etwas zu finden, was jeder Mensch auf Anhieb schlecht findet. Es ist ganz schwer schlechte Musik zu machen, die jeder Mensch als schlecht empfindet. Gleichzeitig gibt es aber auch keine Musik, die mehr als ein bis zwei Prozent der Leute wirklich gut finden. Songs zu covern ist ein bisschen wie in eine andere Haut zu schlüpfen und sich trotzdem wieder zu erkennen. Das rückt den Blick auf die eigenen Sachen auch nochmal in ein neues Licht.
Welcher Song bedeutet dir am meisten und warum?
Auf der neuen Platte changiert das ein bisschen. Es gibt ein paar Lieder, die einen sehr anrühren, wie zum Beispiel „Bitte bleib bei mir“. Das ist wirklich ein tolles Lied. Aber wenn wir nicht alle Lieder richtig gut finden würden, hätten wir sie nicht auf die Platte. So ratlos sind wir ja nicht. Über die Jahre hinweg finden sich aber schon Lieder von älteren Platten, die man dann nicht mehr so gerne spielt.
Im Vorfeld des Interviews hieß es, dass man dir keine Fragen zu deiner Arbeit als Schriftsteller stellen darf. Wieso diese Regelung?
Man darf mir schon Fragen stellen, aber ich weigere mich da einen Zusammenhang herzustellen. Bei Element Of Crime bin ich einer von vier Leuten. Als ich das erste Buch geschrieben habe, war die Band ja schon 15 Jahre zugange und das auch nicht unerfolgreich. Das Eine ist Musik und das Andere Literatur. Man kann die Bücher toll finden und die Musik total scheisse. Umgekehrt kann man die Musik total toll finden und mit den Büchern nichts anfangen. Ich bin nicht dafür, das Eine für das Andere in Geiselhaft zu nehmen, das ist nicht fair.
Stimmt es, dass deine Bandkollegen deine Bücher nicht gelesen haben?
Die Leute fragen mich immer was die anderen dazu sagen und dann muss ich immer zurecht sagen „weiß ich nicht“. Ich weiß wirklich nicht ob sie die Bücher gelesen haben. Ich bin doch kein Idiot und frage nach ob sie sie gelesen haben. Wir machen jetzt seit 25 Jahren zusammen Musik, stell dir mal vor, einer würde jetzt zu mir sagen: „Du, Sven, deine Bücher finde ich total scheiße“. Da wäre doch klar, dass das einem den Tag verdirbt. Daher frage ich gar nicht erst nach, weil ich diese Art von Antwort nicht ertragen könnte. Und die wissen auch genau, dass ich nicht will, dass sie mir das von sich aus erzählen. Das macht man nicht, so etwas bringt einen in Verlegenheit.
In deinen Büchern steckt in jedem der darin auftauchenden Charaktere ein wenig Sven Regener. Trifft das auch auf deine Songs zu?
Ja auf jeden Fall. Man kann ja nicht über Sachen singen, von denen man nichts versteht. Die Illusion besteht nur darin, dass die Leute immer glauben man hätte das so erlebt. Die Grundbedingung jeder Kunst ist, sich etwas ausdenken zu können und sich eine Situation vorzustellen, schöpferisch tätig zu sein und etwas zu schaffen, was es vorher nicht gegeben hat. Alles andere ist Reportage. Da wüsste ich dann aber auch nicht wem ich jetzt unbedingt mein eigenes Leben eins zu eins erzählen soll. Das fände ich aber auch ein bisschen langweilig, ehrlich gesagt. Das Interessante an der Kunst ist ja, dass wir uns aus all den Sachen Dinge erzählen können, die sein könnten. Das macht es viel toller und spannender.
Interview: Katharina Försch
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