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Einsatz in Afghanistan

Es ging ums Überleben

Vor zehn Jahren, im Herbst 2001 begann eine neue Phase des Kriegs in Afghanistan. Eine Invasionsarmee unter der Führung der USA marschierte in dem Land ein um die Regierung der Taliban, die seit 1996 herrschten zu stürzen und die Terrororganisation Al-Quaida zu bekämpfen. Der direkte Anlass waren die Terroranschläge vom 11. September 2011. Im Dezember eroberten die Verbündeten die Hauptstadt Kabul, sowie die Provinzhauptstädte Kandahar und Kunduz. Zum Schutz der umgehend eingesetzten Regierung des Präsidenten Kasai und zur Unterstützung des Wiederaufbaus wurde eine „Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe“ dauerhaft in Afghanistan stationiert. Deutschland beteiligte sich unter der rot-grünen Regierung daran.

Am 2. Januar 2002 traf ein deutsches Vorauskommando in Kabul ein und baute das Camp Warehouse auf und danach ein Truppenkontingent das heute etwa 5500 Soldaten umfasst. Am 6. März 2002 starben die ersten Bundeswehrsoldaten beim Entschärfen einer Bombe. Zunächst noch als Helfer im Land begrüßt, werden die internationalen Truppen ab 2003 zunehmend nur noch als Besatzer wahrgenommen. Das Attentat am 7. Juni 2003 auf deutsche ISAF-Soldaten, die auf dem Weg zum Flughafen Kabul waren um nach Deutschland zurück zu kehren, markiert drastisch den Wendepunkt. Deutschland traf die Erkenntnis, dass es sich in Afghanistan um einen Krieg handelt und dass dabei Soldaten verletzt werden oder gar sterben können offenbar völlig unvorbereitet.

 

Auch Soldaten aus dem FRIZZ-Land sind und waren in Afghanistan, FRIZZ traf Mirco Iliev aus der Wetterau zum Gespräch.

 

 

Mirco Iliev

Er lebt inzwischen in Niddatal in der Wetterau, ist 33 Jahre alt und war damals Zeitsoldat in Diez, als sein erster Afghanistan-Einsatz auf dem Programm stand. Für ihn war die Sache nicht ganz neu, hatte er doch bereits Auslandseinsätze im Mazedonien, Kosovo und Bosnien hinter sich. Er war Hauptfeldwebel und aufgrund seiner speziellen Ausbildung war es klar, dass Afghanistan irgendwann für ihn kommen würde. Mitsprache hatte er lediglich ein wenig bezüglich des Zeitraums beim allerersten Einsatz, der auch langfristig vorbereitet wurde. Bei den anderen sprang er für Ausfälle ein und hatte keine Wahl: innerhalb kürzester Zeit stand plötzlich wieder Afghanistan auf dem Programm, Marschbefehl innerhalb weniger Tage.

Die sich bis heute aufdrängenden Eindrücke dieser Einsätze waren der Grad der Zerstörung in und um Kabul, aber auch die große Armut, die Rückständigkeit der Leute vor allem durch den Bürgerkrieg innerhalb der ethnischen Parteien sowie später durch das Regime der Taliban, der sie lange quasi von der Außenwelt abgeschnitten hatte. „Auch die Mentalität war natürlich neu und ungewöhnlich für uns, und auch sehr unterschiedlich wiederum innerhalb der Bevölkerungsgruppen dort“, so Mirco. 

 

 

Die Aufgaben 

Bei allen drei Einsätzen hatte der Job, den die Soldaten in seiner Einheit erfüllen mussten, mit zielorientierte Gesprächsführung und Informationsgewinnung zu tun. Dabei galt es, je nach der Gefahrenlage flexibel, sich auf immer neue Situationen einzustellen. „Am Anfang konnten wir uns in der Provinz Kabul z.B. noch relativ frei bewegen, um Kontaktpersonen zu treffen, und entsprechende Informationen zu gewinnen. Das ging aber irgendwann nicht mehr so einfach, wir durften z.B. nur noch mit gepanzerten und einer bestimmten Anzahl von Fahrzeugen aus dem Lager fahren.“ Konkret bestand ihre Arbeit darin, einerseits Kontakte mit örtlichen Behörden und Einrichtungen zu pflegen, anderseits Kontakte für die Informationsgewinnung in jeder Bevölkerungsschicht aufzubauen „Wir sind unter anderem zu Polizeistationen, Distriktmanager gefahren, haben uns dort vorgestellt, haben die Sicherheitslage abgefragt, was die Schwierigkeiten sind, wie es läuft etc.. Dabei ging es wirklich um den Kontakt auf persönlicher Ebene, als vertrauensbildende Maßnahme. Auch um immer wieder klarzustellen, dass wir keine Besatzer sind, sondern helfende Aufgaben wahrnehmen. Dabei war der Kontakt zu einzelnen Personen wichtig, die dann auch wertvolle Informationen lieferten, angefangen von der Sicherheitslage, stadtpolitischen Details bis hin zu Drogenschmuggel. 

 

 

Veränderung der Gefahrenlage – Beschuss und Attentate

Die Gefahrenlage spitzte sich 2003/2004 für die Soldaten zu, da immer häufiger ihre Lager von Raketen beschossen wurden. 2005 veränderte es sich insofern als dass es immer häufiger Selbstmordattentate und präparierte Anschläge gab, aber weniger Raketenangriffe. 2006/2007 folgte eine weitere Zuspitzung der Lage, da der Grad der Organisation und der Radikalität der Anschläge zunahm. „In Kabul wurden z.B. gezielt Hotels angegriffen, z.B. das Continental. Also wurden nicht mehr nur Konvois des Einsatzes auf Hauptstraßen oder abgelegenen Bergstraßen angegriffen, sondern auch Orte bei denen mit einkalkuliert war, dass auch die eigenen Leute, die Zivilbevölkerung, Opfer werden konnte“, erzählt Mirco. Hinzu kam, dass sie nicht nur auf diese Art in gefechtsartige Situationen gerieten, sondern auch dadurch, dass es zu ihren Aufgaben gehörte, bei Streitigkeiten zwischen verschiedenen Parteien, z.B. um Land, einbezogen zu sein. „Hier kam es oft dazu, dass sich die Parteien wie Fronten gegenüberstanden und es häufig zu heftigen Schusswechsel kam. Wir standen im wahrsten Sinne des Wortes dazwischen und waren gehalten zu schlichten, festzustellen, was da los war etc. Immer wenn wir das Lager verlassen mussten, um an einem Ort der ein paar Tagesetappen weit entfernt lag Aufgaben zu erfüllen, war das besonders gefährlich, da die Konvois auf den Überlandstrecken einfache Ziele für Angriffe darstellten. Zum einen, da es auf bestimmten Routen über Hunderte von Kilometer nur eine annähernd befestigte Straße gab, die wir dann natürlich auch benutzten und zum anderen, da sich die Angreifer grundsätzlich als Zivilisten tarnten. Bei einem Anschlag kam die Fern-Zündung z.B. aus einer Richtung, wo auch Frauen und Kinder auf Feldern arbeiteten. Sie schauten alle rüber, weil es auf der Straße Bumm gemacht hatte. Obwohl wir viele Anhaltspunkte dafür hatten, dass der Sprengsatz von dieser Richtung aus gezündet wurde, war uns für militärische Aktionen dadurch die Hände gebunden: die Taliban missbrauchen gerne schwächere Bevölkerungsgruppen als ihre lebenden Schutzschilde.“

Für die Situation von Angriffen, Anschläge, (Selbst)Mordattentaten wurden die Soldaten bereits in Deutschland in Übungen vorbereitet, per Drill, immer und immer wieder. Damit man im Ernstfall erstmal funktioniert und nicht in Panik gerät. „In einem Konvoi flog direkt vor uns das Fahrzeug mit zwei Kameraden in die Luft. Natürlich Vollbremsung, raus aus den Autos, Waffen im Anschlag, versuchen zu sichern, Überblick zu verschaffen. Es könnte ja irgendwo noch eine Sprengladung hochgehen oder wir unter Beschuss geraten. Wir waren vom Rest abgeschnitten, das gesprengte Fahrzeug blockierte den Weg. Die Autos vor dem Fahrzeug, das in die Luft flog gab natürlich Gas, um aus der Gefahrenzone zu gelangen. Wir nahmen dann Funkkontakt auf und auch zum Lager, um einen Heli für den Schwerverletzten anzufordern: einem Kameraden hatte es ein Bein fast komplett weggesprengt, ein Teil des Oberschenkel fehlte. Hier war der Sprengsatz auf der Straße vergraben“ berichtet Mirco von den Details.

Allein in Kabul über 15 Raketenanschläge aufs Lager und zwei Anschläge auf Straßen er- und überlebte Mirco. Bei letzteren hatte er maßloses Glück: „Dass ein Kamerad unseres Fahrzeuges noch einen Kaffee trinken wollte und wir deshalb im Konvoi hinten und mit einem gewissen Abstand fuhren, hat mir wohl ein Mal das Leben gerettet. Dann war ich es, der das Dienst-Handy vergessen hatte und wir mussten nochmal zurück und dadurch erwischte es uns nicht. Da fürchtet man irgendwann schon um die eigene Situation, wann das Glück aufgebraucht sein könnte und ob man als nächster dran ist“, so Mirco.

Auch beim Selbstmordattentat hatte Mirco Glück: hier fuhr ein mit Sprengstoff gefülltes Auto direkt in den Konvoi. Der Fahrer des ersten Fahrzeuges, den die Sprengladung voll traf, wurde schwerverletzt. „Der Anblick von Schwerverletzten und Toten – die Kopfhaut des Selbstmordattentäters lag quasi vor uns – ist in der Situation nur durch eine gewisse Abstumpfung zu ertragen: man funktioniert im Sinne des Auftrags. Die dazugehörigen Gefühle muss man später angehen.“

 

 

Ende nach drei Einsätzen am Hindukusch

Nach drei Einsätzen in Afghanistan wurde Mirco noch mehrmals gefragt, ob er freiwillig an weiteren teilnehmen wolle und zwar in Kundus und nochmals in Feyzabad. Auf Grund der kurzen Restdienstzeit bestand die Möglichkeit abzulehnen, dies tat er auch. Das war im Jahr 2007 und er begründete es damit, dass er Zeitsoldat, kein Berufssoldat sei und seine 12 Jahre auch fast vorbei seien. „Ich wollte die Zeit von einem Jahr vor dem beginnenden Vollzeit- Berufsförderungsdienst dazu nutzen mich weiterzubilden, für die Zeit nach der Bundeswehr“, so Mirco.

Mirco beschreibt seine Auslandseinsätze bei der Bundeswehr letztendlich positiv. „Ich bin froh, dass ich lebe. Und auch aus den schlechten Erfahrungen konnte ich etwas lernen, die Erfahrungen waren auf eine Art lehrreich und insofern auch wertvoll und es gab immerhin auch positive Erlebnisse, wie Gastfreundschaft in dem Land. Aber es ist gut, dass es vorbei ist.“

Mirco ging in jeden Afghanistaneinsatz mit dem Gefühl, dass es durchaus sein letzter Einsatz sein könnte. „Man denkt schon darüber nach was passieren könnte, vor allem wenn man die ersten schlimmen Situationen nur mit Glück überlebt hat. Kommt man heil zurück? Wird man sterben? Wird man Körperteile verlieren oder anderweitig schwer verletzt? Bei unserer Einheit gab es sehr viele, die darüber gesprochen haben. Ich auch. Manchmal gab es auch den Umgang mit zynischen Bemerkungen, einer Art Galgenhumor damit umzugehen. Das half etwas vorort, es löste die ungeheure Anspannung etwas. Andere haben sich aber zurückgezogen, schwiegen. Bei ihnen war es schwieriger, sie waren danach psychisch einfach kaputt“, so Mirco und er berichtet, dass nach den Einsätzen routinemäßig Gespräche mit Psychologen folgten und es sich danach richtete, ob in Therapie gegangen werden konnte oder sollte. „Nach den ersten Einsätzen habe ich keine psychologische Hilfe in Anspruch genommen. Aber nach dem letzten Einsatz habe ich dann eine dreiwöchige Kur, die aus irgendwelchen Gründen zunächst nicht bewilligt wurde, aber um die meine Ärztin sich sehr bemüht hat, in Anspruch genommen. Das half einfach die Anspannung abzubauen, nicht mehr so reizbar zu sein, runterzukommen“, so Mirco. Nach inzwischen vier Jahre, die die letzten Auslandseinsätze her sind, hat Mirco mit keinerlei Traumata zu kämpfen. Er lebt glücklich verheiratet in der Wetterau. Inzwischen hat er so quasi das Ministerium gewechselt, nämlich im letzten Jahr seine Ausbildung im Justizvollzug absolviert und arbeitet in Frankfurt und Darmstadt.

 

 

PTBS

… heißt posttraumatische Belastungsstörung und ist eine Krankheit, die in den meisten Fällen drei bis sechs Monate nach einem schrecklichen Ereignis auftritt. Die Patienten durchleben eine schlimme Situation immer wieder. Über den Heimkehrern aus Afghanistan hängt PTBS wie ein Damoklesschwert. Inzwischen ist bekannt, dass die traumatisierten Soldaten später jeden Halt verlieren können.

Autor: Red1

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